Das alte Akkordeon

Was vergangen ist, kehrt nicht wieder!

Aber ging es leuchtend nieder, leuchtet’s lange noch zurück.

 Seit Monaten steht in unserem Keller neben dem Klavier ein schwarzer Kasten. Ich versuche, ihn zu übersehen. Das gelingt mir aber nicht immer. Denn in dem Kasten ruht gut verpackt mein Akkordeon, das mir und hoffentlich auch vielen Zuhörern im Laufe vieler Jahre Freude bereitet hat.

 Ich war siebzehn Jahre alt, als ich ein gebrauchtes Akkordeon geschenkt bekam. Beim ersten Ausprobieren stellte ich enttäuscht fest, dass einer der Knöpfe auf der linken Seite offensichtlich beschädigt war. Man klärte mich auf: Da man nicht um die Ecke sehen kann, muss man die Anordnung der 120 Knöpfe ertasten und deshalb sind einige wenige Knöpfe etwas anders geformt als die übrigen.

Seit der damaligen Zeit habe ich zu allen Veranstaltungen immer mein Akkordeon mitgenommen.

Später durfte ich auch im Gesangverein den Chor begleiten.

 Irgendwann landete mein Akkordeon mit unansehnlichen Gebrauchsspuren im dunklen Verließ - meine persönlichen Verbrauchsspuren waren auch nicht mehr zu übersehen.

Vor einigen Tagen konnte ich nicht widerstehen und begann das Gestell zu ändern, auf dem das Instrument befestigt war, und das mir während des Spielens die schwere Last abnehmen sollte.

Vorsichtig nahm ich auf einem Klappstuhl Platz.

Es ist ein Glücksgefühl, wenn man nach langer Entbehrungszeit wieder vorsichtig dem Instrument die ersten Töne entlockt und merkt: Es klappt noch einigermaßen.

Ich wusste, die Familienmitglieder sind nicht zu Haus. Keiner hört zu, also begann ich zu improvisieren: Ich spielte, ohne zu überlegen einige Motive und Melodiebruchstücke, setzte wahllos Akkorde und Akkordfolgen aneinander.

Aus dem Unterbewusstsein setzte ich einige Sequenzen zusammen und es entstand ein Lied. Dann erkannte ich, dass ich einen alten Schlager spielte, den wir in unserem Bekanntenkreis immer beim Geburtstag oder anderen persönlichen Anlässen unserer Freundin Elfriede vorgetragen haben: „Es war in einer Frühlingsnacht im sonnigen Sorrent“.  Mir wurde doch warm ums Herz, denn Elfriede war vor wenigen Wochen verstorben.

Danach spielte ich bewusst Lieder, die eine Verbindung zu Freundinnen und Freunden herstellten:

„In Altendorf steht ein Bauernhaus gar hübsch und fein“ – und schon vernahm ich den Klang einer Gitarre und hörte den sanften lyrischen Gesang als Begleitstimme.

„Muchacha, wem gehört dein Herz?“ Den Refrain dieses Schlagers aus den 50er Jahren brauchte ich bei unseren Feiern nur ganz leise anzustimmen, dann sah ich sofort die leuchtenden Augen eines der Freunde.

Ich verharrte bei dieser Melodie und spielte gedankenverloren Motive und Akkordfolgen, und meine Gedanken begannen zu kreisen: Sie wanderten zurück zu einem besonderen Erlebnis in meiner Jugendzeit. Siebzehn Jahre, kaum der Kindheit entronnen, bekam ich die Aufgabe, die Kinder des Turnvereins zu betreuen.

Ich freute mich sehr darauf, einmal im Monat in die Kreisstadt fahren zu dürfen, um theoretisch und praktisch in einer großen Gruppe von jungen Sportlern und Sportlerinnen eingewiesen zu werden, die Kinder zu führen. Gleichzeitig meldeten sich aber auch Ängste, ob ich den Anforderungen überhaupt gewachsen sei, denn ich war mit meinen langen Beinen und der noch schlaksigen Statur kein guter Turner.

Ich genoss die besondere Aufgabe aber als Auszeichnung und empfand ein wenig Stolz.

Spannend war es auch, wenn etwa 20 junge Männer abends gemeinsam in der Dunkelheit eines großen Schlafsaales bis weit nach Mitternacht über ihre Erlebnisse mit dem anderen Geschlecht berichteten oder zum Teil obszöne Witze erzählten. Irgendwann wurden die Stimmen leiser und dann begann die Nachtruhe

Langsam begann ich in den frühen Morgenstunden vom Träumen zur Wirklichkeit hinüber zu wechseln. Erst ganz leise, wie aus einer anderen Sphäre, dann immer mehr anschwellend erklangen plötzlich wunderbare Engelsstimmen in dem großen Treppenhaus. Einige Sekunden schwebte ich noch zwischen Traum und Wachsein. Dann genoss ich den Klang und den Nachhall und wähnte mich in einem gewaltigen Dom.

Die Mädchen und Frauen hatten sich den Spaß ausgedacht, die Männer mit einem Lied zu wecken. Noch heute höre ich „Muchacha, wem gehört dein Herz? Wer hat das Glück dein Caballero zu sein? – //:  Ich hab geträumt, du schenkst es nur mir allein. ://